Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm…

… auch so eine der schnell wieder kassierten neuen Bauernregeln. Wobei sie in diesem Fall nur in der Folge korrekt ist. Die Vögel sind nicht die ersten Opfer der scheidenden Biodiversität auf unseren Agrarflächen, als erstes trifft es, neben den sogenannten „Unkräutern“, die Insekten, für die diese Unkräuter gewöhnlich Habit und Nahrungsquelle sind.

Als Unkräuter, oder deutsch-bürokratisch korrekt auch Kulturpflanzenbegleiter, bezeichnet man eigentlich alle Pflanzen, die unerwünscht sind, also alles das, was die Landwirtin oder der Landwirt nicht eingesät hat. In der Regel handelt es sich dabei um allerlei Kräuter und andere Wildpflanzen, wie z. B. den Klatschmohn, Disteln oder die Kornblume. Natürlich gibt es auch, je nach ästhetischem Anspruch, optisch langweiligere Unkräuter, Gräser, Farne, Moose oder holzige Pflanzen aller Couleur, wobei die Gräser im Fachjargon passend „Ungras“ genannt werden, noch so ein schrecklicher Begriff. Was viele nicht wissen: Ein großer Teil der fast 300 Pflanzenarten, die Ihr Hauptvorkommen als Ackerunkraut fristen sind mittlerweile gefährdet, vom Aussterben bedroht oder sogar schon gänzlich von der Bild- bzw. Agrarfläche verschwunden.

In Zeiten als es noch keine Breitbandherbizide wie Glyphosat gab wurden die Wildpflanzen entweder stehen gelassen, oder manuell bzw. später mechanisch gejätet. Dabei kam es aber niemals zu einem solchen Totalverlust unter den Unkräutern. Ein Entzug der Lebensgrundlage für Insekten und andere Tiere, wie wir ihn heute erleben, drohte bei diesen relativ nachhaltigen Bewirtschaftungsformen eher nicht. Roundup, der Glyphosat-basierte Besteller der Monsanto Company, das weltweit meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel, bewirkt hingegen genau das: Es zerstört die Lebensgrundlage, die Habitate und Nahrungsquellen, von Insekten und macht den Acker zum toten Raum. Einzig die gewünschte Feldfrucht, gerne auch gentechnisch zu Roundup-resistenten Saatgut, den sogenannten „Roundup Ready Crops“ verändert, darf als Monokultur bestehen bleiben. Ein Killer für die gesamte Nahrungskette.

Glyphosat tötet ausnahmslos alle Pflanzen mit denen es in Berührung kommt (natürlich bis auf die Roundup Ready Crops…). Weniger Wildpflanzen bedeuten weniger Insekten, weniger Insekten bedeuten zwangsläufig weniger Vögel, die biologische Vielfalt schwindet, massiv. Auf Grund einer kürzlich veröffentlichten Langzeitstudie des renommierten Wissenschaftsjournals PLOS ONE (PLOS.org) ist das große Insektensterben, mit einem Verlust von mehr als 75% der Biomasse bei Fluginsekten (!!!) in der Bevölkerung angekommen, plötzlich wundern sich viele über die sauberen Windschutzscheiben nach langen Autofahrten, über saubere Visiere nach der sonntäglichen Ausfahrt mit dem Motorrad und das ungewohnt ungestörte genießen können des Kirschkuchens im Garten. Die vom NABU Bundesverband und Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) initiierte Stunde der Gartenvögel hat es ebenfalls gezeigt, wir stecken mitten in einem erschreckend umfangreichen Artensterben. Genau das, wovor wir Naturschützer schon lange gewarnt haben! Ob Glyphosat dabei für den Menschen krebserregend ist, oder nicht, sollte unter diesem Eindruck eigentlich nebensächlich sein. Nachgewiesen ist eine Glyphosat-Belastung im menschlichen Körper zudem schon lange, bei fast 100 Prozent aller untersuchten Personen konnten Rückstände dieses „Wundermittels“ nachgewiesen werden. Viel schwerer wiegt jedoch der Exitus der Biodiversität in unserer Natur- und Kulturlandschaft. Man stelle sich nur mal die umgekehrte Situation vor, sämtliche unserer Kulturpflanzen würden eingehen, der Mensch wäre in Windeseile von der Erde gefegt…

Nun streiten sich aktuell wieder viele über die weitere Zulassung oder ein Verbot von Glyphosat in der EU. Die Agrar- und Chemielobbyisten laufen auf Hochtouren, da werden Stellungnahmen, Gegendarstellungen und Gutachten geschrieben, die demokratischen Strukturen weiter ausgehöhlt und versucht, so viel Einfluss wie möglich auf die Entscheiderinnen und Entscheider in der Politik zu nehmen. Unsere beiden Verhandlungspartner auf Bundesebene, quasi der gelbe und der schwarze Teil der Jamaika-Flagge, reden von wissenschaftlichen und nachvollziehbaren Fakten, befürworten aber trotzdem eine weitere Zulassung von Glyphosat und Neonicotinoiden (Insektizide – eine Studie der „Task Force für systemische Pestizide“ (http://www.tfsp.info/de/) stellte zuletzt eindrücklich unter Beweis, dass systemische Pestizide wie Neonicotinoide massive Auswirkungen auf den Insektenbestand haben und maßgeblich zum Insektensterben beitragen. Sie stellen eine weltweite Bedrohung für Artenvielfalt, Ökosysteme und Ökosystemleistungen dar). Die Damen und Herren der CDU/CSU (Christlich-Soziale Union)CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der FDP sollten vielleicht mal vor die Tür gehen und sich ein mit Glyphosat behandeltes Feld anschauen, mehr nachvollziehbare Fakten gibt es wohl nicht, als das, was man dort vorfindet. Vielmehr scheinen die Lobbyverbände ganze Arbeit geleistet zu haben. Wenn die gesundheits- und umweltpolitische Sprecherin der FDP im Europäischen Parlament, Gesine Meißner, von einem Votum gegen die anerkannte Wissenschaft spricht, meint sie wohl eher die anerkannte Wirtschaft – und deren Lobbyverbände… Mit gesundem Menschenverstand hat diese Aussage zumindest nicht viel gemein.

Es bleibt also spannend, ob sich ein europäisches Verbot durchsetzen lässt, oder nicht. Vermutlich werden die für die Lobbyarbeit eingesetzten Millionen aber ihren Zweck erfüllen und es darf fleißig weiter alles totgespritzt werden, was sich als „Unpflanze“ bezeichnen lässt. Da folgen die ach so christlichen Parteien CDU und CSU (Christlich-Soziale Union) in gewohnt alttestamentarischer Tradition der Bibel, in der das Unkraut schon vor langer Zeit als Strafe Gottes tituliert wurde: „… verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen …“ (1. Buch Mose, Kapitel 3, 17 – 18).

Naja, die Insekten, und mit Ihnen die Tiere die in der Nahrungskette über ihnen stehen, hätten sich über solche Äcker wohl gefreut. Wahrscheinlich halten Tiere deshalb nicht sonderlich viel von Religion und Politik.

Wenn ich mir das Foto zu diesem Beitrag so ansehe, fällt mir die Wahl zwischen Grün und Gelb doch recht leicht. Wir stehen für nachhaltige, ökologische und gesunde Umwelt- und Landwirtschaftspolitik und nicht für eine von ökonomischen Interessen und Lobbyverbänden diktierte!

Wer Lust hat, und zudem noch richtig fit in Englisch ist, der kann und sollte sich sowohl den Artikel zur Langzeitstudie im Wissenschaftsjournal PLOS ONE, als auch die Studie der TFSP zu den systemischen Pestiziden genehmigen. Die Beiträge finden sich hier:

http://journals.plos.org/plosone/article…

und hier:

https://link.springer.com/journal/11356/22/1/page/1

[Pic: istock.com/coramueller]

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